Brasilianische Musik: 9 Stile von Samba bis Frevo
Brasilianische Musik im Überblick: Samba, Bossa Nova, MPB, Forró, Sertanejo, Pagode, Axé, Funk carioca und Frevo mit Herkunft und prägenden Künstlern.
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Wer bei brasilianischer Musik an Samba und Bossa Nova denkt, kennt zwei von vielen Stilen. Die meisten sind regional verwurzelt: Forró gehört in den Nordosten, Sertanejo ins Landesinnere, Frevo nach Recife, Axé nach Salvador. Hier stehen neun davon, jeweils mit Herkunft und den Namen, mit denen du anfangen kannst.
Samba: aus Bahia nach Rio
Die Wurzeln liegen im Samba de roda aus dem Recôncavo, der Region rund um die Bucht von Salvador. Versklavte Afrikaner und ihre Nachfahren tanzten dort im Kreis, begleitet von Gesang, Klatschen, Pandeiro, Viola machete und einem Teller, über den ein Messer schabt (prato e faca). Belege unter diesem Namen gibt es seit den 1860er Jahren. 2005 erklärte die UNESCO den Samba de roda zum Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit.
Mit Migrantinnen aus Bahia kam die Musik nach Rio. Im Haus der Tia Ciata nahe der Praça Onze trafen sich Musiker wie Donga, Pixinguinha und João da Baiana. Donga ließ das dort gemeinsam entstandene "Pelo Telefone" am 27. November 1916 bei der Nationalbibliothek auf seinen Namen registrieren. Die Platte erschien Anfang 1917 und gilt als erster erfolgreich aufgenommener Samba. Ende der 1920er Jahre entwickelten Komponisten aus dem Viertel Estácio einen schnelleren, stärker synkopierten Samba, aus dem die Sambaschulen hervorgingen.
Cartola gehörte 1928 zu den Gründern der Sambaschule Mangueira, seine erste Soloplatte nahm er aber erst 1974 auf, mit 65 Jahren. Paulinho da Viola aus der Portela gewann 1969 das Festival der TV Record mit "Sinal Fechado".
Bossa Nova: leiser Samba aus Copacabana
Ab 1957 trafen sich junge Musiker aus der Mittelschicht der Zona Sul in Wohnungen wie der von Nara Leão an der Avenida Atlântica. Sie spielten Samba leiser und reduzierter und legten jazznahe Harmonien darüber. Als Startpunkt gilt "Chega de Saudade" von Tom Jobim und Vinicius de Moraes. Elizeth Cardoso nahm das Lied im April 1958 für ihr Album "Canção do Amor Demais" auf. João Gilberto spielte dabei Gitarre, stand aber nicht in den Credits.
Seine eigene Version nahm er am 10. Juli 1958 auf, im August kam die Single heraus. Sie setzte den Standard: fast gesprochener Gesang ohne Vibrato, dazu der versetzte Gitarrenanschlag, die Batida. Jobim, Vinicius und João Gilberto standen nur in einer einzigen Show gemeinsam auf der Bühne. "O Encontro" lief ab August 1962 im Club Au Bon Gourmet in Rio, und dort war "Garota de Ipanema" zum ersten Mal zu hören.
MPB: die Liedermacher der Festival-Ära
Das Kürzel steht für Música Popular Brasileira und klingt nach einem Sammelbegriff für alles. Gemeint ist eine Strömung, die Mitte der 1960er Jahre aus der zweiten Bossa-Nova-Generation entstand und Bossa Nova mit Samba und Volksmusik verband. Ihre Bühne waren die Songfestivals im Fernsehen. Unter der Militärdiktatur wurden viele Lieder politisch und landeten bei der Zensur. Auch die Tropicália um Caetano Veloso und Gilberto Gil wird zur MPB gezählt.
Elis Regina gewann 1965 mit "Arrastão" von Edu Lobo und Vinicius de Moraes das Festival der TV Excelsior. Chico Buarque siegte 1966 beim Festival der TV Record mit "A Banda", offiziell gleichauf mit "Disparada". Milton Nascimento wurde 1967 mit "Travessia" Zweiter beim Festival Internacional da Canção. 1972 erschien "Clube da Esquina", sein Doppelalbum mit Lô Borges.
Forró: Tanzabend im Nordosten
Das Wort meint im Nordosten vieles zugleich: den Rhythmus, den Tanzabend, den Ort der Feier und die Art zu tanzen. Darunter fallen Baião, Xote, Xaxado, Coco, Arrasta-pé und Toada. Gespielt wird im Trio aus Sanfona (Akkordeon), Zabumba (flache Basstrommel) und Triângulo, Hochsaison sind die Festas juninas im Juni. Am 9. Dezember 2021 hat die Denkmalbehörde Iphan die traditionellen Formen des Forró als Kulturerbe Brasiliens eingetragen. Den Antrag hatte ein Forró-Verein schon 2011 gestellt.
Luiz Gonzaga (1912 bis 1989) aus Exu in Pernambuco, der Rei do Baião, machte dieses Trio zur Standardbesetzung und schrieb 1947 mit Humberto Teixeira "Asa Branca". Jackson do Pandeiro (1919 bis 1982) aus Alagoa Grande in Paraíba, der Rei do Ritmo, nahm 1953 seine erste Platte auf, mit "Forró em Limoeiro" und "Sebastiana". Dominguinhos (1941 bis 2013) aus Garanhuns ging mit 13 Jahren nach Rio, lernte bei Gonzaga und wurde selbst einer der großen Akkordeonspieler.
Getanzt wird Forró eng zu zweit, und das geht auch in Deutschland: In vielen Städten gibt es Kurse und Partys. Wie der Einstieg klappt, steht in unserem Artikel Forró tanzen.
Sertanejo: von der Música caipira ins Radio
Sertanejo kommt aus der Música caipira, der ländlichen Musik aus dem Inneren des Bundesstaats São Paulo. 1929 brachte der Journalist Cornélio Pires diese Lieder erstmals auf Schallplatte. Typisch sind Duos mit zweistimmigem Gesang und Viola caipira. In den 1950ern holten einige Duos Geige und Trompete aus der mexikanischen Mariachi-Musik dazu, Ende der 1960er kam die E-Gitarre.
In den 1990ern lief die romantische Variante im Radio und in Telenovelas und wurde zum Massenphänomen. Die poppige Welle seit den 2000ern heißt Sertanejo universitário.
Tonico & Tinoco sind das klassische Caipira-Duo, mit fast 1.000 Aufnahmen in 59 Karrierejahren. Chitãozinho & Xororó verkauften 1982 das Album mit "Fio de Cabelo" mehr als 1,5 Millionen Mal und brachten den Sertanejo damit auf die UKW-Sender. Marília Mendonça (1995 bis 2021) wurde mit "Infiel" bekannt, 2016 das am zweithäufigsten gespielte Lied im brasilianischen Radio.
Pagode: Samba aus dem Hinterhof
In den Vorstädten von Rio hieß ein geselliges Fest mit Samba schon lange Pagode. In den 1970er Jahren entstand bei den Mittwochsrunden des Karnevalsblocks Cacique de Ramos ein neuer Sound. Almir Guineto spielte ein Banjo in Cavaquinho-Stimmung, Sereno den Tantã statt der großen Surdo, Ubirany das Repique de mão. Die Sängerin Beth Carvalho holte Musiker aus der Runde 1978 für ihr Album "De Pé no Chão" ins Studio. In den 1990ern folgte der kommerziellere Pagode romântico.
Aus dem Cacique de Ramos ging die Gruppe Fundo de Quintal hervor, die 1980 ihr erstes Album aufnahm. Jorge Aragão gehörte zur ersten Besetzung und schrieb "Vou Festejar" mit. Zeca Pagodinho nahm 1983 auf Einladung von Beth Carvalho zum ersten Mal auf und gilt als einer der stärksten Partido-alto-Improvisatoren seiner Generation.
Axé: Karnevalspop aus Salvador
In den 1950er Jahren spielten Dodô und Osmar in Salvador Frevo auf selbstgebauten E-Gitarren, oben auf einem Ford von 1929. So entstand der Trio elétrico, der Musikwagen, hinter dem die Menge in Salvador bis heute durch den Karneval zieht. Später kamen die Blocos afro wie Ilê Aiyê und Olodum dazu, dessen Samba-reggae in den 1980ern die Stadt prägte. Den landesweiten Durchbruch brachte 1985 "Fricote" von Luiz Caldas und Paulinho Camafeu.
Den Namen Axé Music prägte 1987 der Journalist Hagamenon Brito, und zwar abwertend. Axé ist ein Gruß aus dem Candomblé und bedeutet positive Energie. Daniela Mercury setzte den Stil 1992 mit dem Album "O Canto da Cidade" im ganzen Land durch. Ivete Sangalo wurde als Sängerin der Banda Eva bekannt und machte danach solo weiter.
Funk carioca: Bass aus den Favelas von Rio
Mit US-Funk teilt er nur den Namen. Die Tanzpartys in Rio hießen seit den 1970ern Bailes funk, und der Name blieb, als die DJs zu Miami Bass und Freestyle wechselten. 1989 erschien DJ Marlboros Album "Funk Brasil", der Startpunkt des Genres auf Platte. Ende der 1990er kam der Tamborzão dazu, der trommelnde Beat, den man heute sofort erkennt. Im September 2009 billigte das Landesparlament von Rio einen Entwurf, der Funk als Kultur- und Musikbewegung einstuft.
Neben DJ Marlboro prägten Claudinho & Buchecha die 1990er, ihr Durchbruch kam 1996 mit "Conquista". Anitta startete 2013 mit "Show das Poderosas" durch und erreichte im März 2022 mit "Envolver" als erste Lateinamerikanerin Platz 1 der weltweiten Spotify-Charts.
Frevo: Bläserfeuer im Karneval von Recife
Frevo entstand Ende des 19. Jahrhunderts auf den Straßen von Recife und Olinda. Das Wort kommt von "ferver" (kochen), in der Volkssprache "frever", und beschreibt das Gedränge der Karnevalsmassen. Einer der ersten gedruckten Belege steht am 9. Februar 1907 im Recifer "Jornal Pequeno". Es gibt drei Formen: den instrumentalen Frevo de rua mit Bläsern und Schlagwerk, den gesungenen Frevo-canção und den sanfteren Frevo de bloco.
Dazu gehört der Passo, ein akrobatischer Tanz mit kleinem bunten Schirm, dessen Bewegungen zum Teil aus der Capoeira stammen. Das Iphan hat Frevo am 28. Februar 2007 als Kulturerbe eingetragen, die UNESCO nahm ihn 2012 in ihre Liste des immateriellen Kulturerbes auf.
Nelson Ferreira (1902 bis 1976) schrieb "Evocação nº 1", einen Frevo de bloco, der 1957 in der Aufnahme des Bloco Batutas de São José sogar den Karneval in Rio eroberte. Capiba gewann 1934 mit dem Frevo-canção "É de Amargar" einen Wettbewerb für Karnevalslieder. Zur jüngeren Generation gehört die SpokFrevo Orquestra.
Brasilianische Musik in Deutschland: live und als Playlist
Live hörst du Samba in Deutschland vor allem beim Samba-Festival in Coburg. Der Veranstalter nennt es das größte Samba-Festival außerhalb Brasiliens, mit bis zu 3.000 Mitwirkenden. Der nächste Termin ist laut Veranstalter vom 9. bis 11. Juli 2027. Konzerte, Sambapartys und Forró-Abende in anderen Städten sammeln wir in unserem Eventkalender.
Für zu Hause reicht eine Playlist mit einem Klassiker pro Stil:
| Stil | Titel | Interpret |
|---|---|---|
| Samba | As Rosas Não Falam | Cartola |
| Bossa Nova | Chega de Saudade | João Gilberto |
| MPB | Arrastão | Elis Regina |
| Forró | Asa Branca | Luiz Gonzaga |
| Sertanejo | Fio de Cabelo | Chitãozinho & Xororó |
| Pagode | Vou Festejar | Beth Carvalho |
| Axé | Fricote | Luiz Caldas |
| Funk carioca | Show das Poderosas | Anitta |
| Frevo | Evocação nº 1 | Bloco Batutas de São José (Komposition: Nelson Ferreira) |
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Samba und Pagode?
Pagode ist eine Spielart des Samba, die Ende der 1970er Jahre in den Vorstädten von Rio entstand. Typisch sind kleine Besetzungen mit Banjo, Tantã und Repique de mão und Texte über den Alltag. Samba ist der Oberbegriff, zu dem auch der Samba-enredo der Sambaschulen und der improvisierte Partido-alto gehören.
Hat Funk carioca etwas mit Funk aus den USA zu tun?
Nur den Namen. Er stammt von den Tanzpartys der 1970er Jahre in Rio, auf denen Soul und US-Funk liefen. Musikalisch baut Funk carioca auf Miami Bass und Freestyle auf und später auf dem eigenen Tamborzão-Beat.
Ist Bossa Nova dasselbe wie MPB?
Nein. Bossa Nova entstand Ende der 1950er Jahre in Rio. MPB ging Mitte der 1960er Jahre aus der zweiten Bossa-Nova-Generation hervor und ist deutlich breiter: Sie verbindet Bossa Nova mit Samba und Volksmusik aus dem ganzen Land, mit der Tropicália kam später auch Rock dazu.
Quellen
Diese Quellen liegen dem Text zugrunde.
- Iphan: Matrizes do Samba no Rio de Janeiro (Registro 2007) (öffnet in neuem Tab) bcr.iphan.gov.br
- Iphan: Samba de Roda do Recôncavo Baiano (Registro 05.10.2004) (öffnet in neuem Tab) bcr.iphan.gov.br
- UNESCO Intangible Cultural Heritage: Samba de Roda of the Recôncavo of Bahia (öffnet in neuem Tab) ich.unesco.org
- Iphan: Matrizes tradicionais do forró (Registro 09.12.2021) (öffnet in neuem Tab) bcr.iphan.gov.br
- Iphan: Frevo (Registro 28.02.2007) (öffnet in neuem Tab) bcr.iphan.gov.br
- UNESCO Intangible Cultural Heritage: Frevo, performing arts of the Carnival of Recife (öffnet in neuem Tab) ich.unesco.org
- Wikipedia (pt): Samba (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Pelo Telefone (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Cartola (compositor) (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Paulinho da Viola (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Bossa nova (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Chega de Saudade (canção) (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Música popular brasileira (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Elis Regina (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Chico Buarque (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
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- Wikipedia (pt): Luiz Gonzaga (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
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- Wikipedia (pt): Dominguinhos (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Música sertaneja (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Tonico & Tinoco (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
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- Wikipedia (pt): Zeca Pagodinho (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Axé (gênero musical) (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Funk carioca (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Anitta (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Frevo (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Baile funk (Alerj-Beschluss September 2009) (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Festival Internacional da Canção (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Clube da Esquina (álbum) (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Nelson Ferreira (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Capiba (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Samba-Festival Coburg: 30 Jahre Samba in Coburg (Angaben des Veranstalters, geprüft 28.09.2026) (öffnet in neuem Tab) samba-festival.de
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