Capoeira: Geschichte, Stile und Einstieg in Deutschland
Capoeira aus Brasilien: wie Angola und Regional entstanden, was in der Roda passiert und wie du in Deutschland eine passende Gruppe findest.
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Zwei Menschen bewegen sich in der Mitte eines Kreises. Sie treten, weichen aus, drehen sich über den Boden, und keiner trifft den anderen richtig. Drumherum wird gesungen und geklatscht, am Rand spielt jemand auf einem Holzbogen mit einer einzigen Saite und gibt damit das Tempo vor. Das ist Capoeira. Die UNESCO beschreibt sie als afrobrasilianische Praxis, die gleichzeitig Kampf und Tanz ist.
Vieles, was dir im ersten Training fremd vorkommt, etwa die Spitznamen oder die feste Reihenfolge der Lieder, hat mit der Geschichte der Capoeira zu tun.
Capoeira entstand unter der Sklaverei in Brasilien
Capoeira hat sich in Brasilien unter versklavten Menschen aus Afrika und ihren Nachkommen entwickelt. Wann und wo genau, lässt sich nicht sicher sagen, weil es aus der Frühzeit kaum schriftliche Quellen gibt. Als mögliche Wurzel gilt der Engolo, ein Kampftanz aus dem Süden Angolas. Wie direkt die Verbindung ist, bleibt in der Forschung umstritten.
Nach dem Ende der Sklaverei 1888 ging der Staat gezielt gegen Capoeira vor. Das Strafgesetzbuch der jungen Republik von 1890 stellte die "Capoeiragem" auf Straßen und Plätzen in Artikel 402 unter Strafe, vorgesehen waren zwei bis sechs Monate Haft. Aus dieser Zeit stammen der Überlieferung nach die Spitznamen, die Apelidos. Wer sich unter Capoeiristas nur mit Spitznamen vorstellte, machte es der Polizei schwerer.
Die Wende kam in den 1930er Jahren. 1937 bekam Mestre Bimba für seine Schule in Salvador als Erster eine offizielle Genehmigung der Bildungsbehörde. Im neuen Strafgesetzbuch von 1940 tauchte Capoeira nicht mehr als Delikt auf.
Bimba und Pastinha prägten die zwei großen Stile
Beide Meister unterrichteten in Salvador da Bahia. Auf ihre Schulen berufen sich viele Gruppen bis heute, auch in Deutschland.
Capoeira Regional geht auf Mestre Bimba zurück
Manuel dos Reis Machado, genannt Mestre Bimba, wurde am 23. November 1899 oder 1900 in Salvador geboren. Die Quellen nennen beide Jahre. Er entwickelte eine schnellere, kämpferische Form, die er zunächst Luta Regional Baiana nannte. 1932 eröffnete er seine erste Akademie, 1937 folgte die staatliche Genehmigung.
Bimba brachte System in den Unterricht. Er arbeitete mit festen Bewegungsfolgen, den Sequências, und führte den Batizado für Neulinge und die Formatura für Absolventen ein. In seiner Roda reichten ein Berimbau und zwei Pandeiros. Bimba starb am 5. Februar 1974 in Goiânia.
Capoeira Angola bewahrt die ältere Spielweise
Vicente Ferreira Pastinha (1889 bis 1981) gründete 1941 in Salvador das Centro Esportivo de Capoeira Angola. Er sah sich als Bewahrer der traditionellen Capoeira, veröffentlichte 1964 das Buch "Capoeira Angola" und nahm 1966 am ersten Weltfestival der Schwarzen Künste in Dakar teil.
Angola wird tiefer und meist langsamer gespielt. Die Spieler bleiben nah am Boden, entscheidend sind List und Timing, auf Portugiesisch Malícia. Die Bateria ist größer. In vielen Gruppen spielen drei Berimbaus, zwei Pandeiros, Atabaque, Agogô und Reco-reco.
Contemporânea verbindet beide Richtungen
Viele Gruppen mischen heute Elemente aus beiden Stilen und nennen das Capoeira Contemporânea. Welche Richtung zu dir passt, merkst du am schnellsten, wenn du dir ein Training und eine Roda ansiehst. Regional wirkt auf Einsteiger oft zugänglicher, weil der Unterricht stärker strukturiert ist. Angola verlangt mehr Geduld und legt großen Wert auf Musik und Ritual.
In der Roda gibt der Berimbau den Ton an
Die Roda ist der Kreis, in dem gespielt wird. Laut UNESCO spielt dort meist der Mestre das einsaitige Instrument, stimmt die Gesänge an und bestimmt Tempo und Rhythmus. Gelernt wird durch Zuschauen und Nachmachen.
Der Berimbau besteht aus einem gebogenen Holzstab (Verga) von etwa 1,2 bis 1,5 Metern Länge, einem gespannten Stahldraht und einer ausgehöhlten Kalebasse als Resonanzkörper. Angeschlagen wird der Draht mit einem dünnen Stöckchen, der Baqueta. Mit einem Stein oder einer Münze, die du gegen den Draht drückst, veränderst du den Ton. In der Schlaghand hältst du außerdem die kleine Rassel Caxixi. In vielen Rodas spielen drei Berimbaus zusammen: der tiefe Gunga, der mittlere Médio und die hohe Viola.
Die Rhythmen heißen Toques. Angola, São Bento Grande, Benguela oder Iúna legen fest, ob das Spiel langsam und bodennah oder schnell und offen läuft. Wer die Toques kennt, weiß beim ersten Ton, was in der Roda erwartet wird.
Auch der Gesang folgt einer Ordnung. Zu Beginn singt jemand allein die Ladainha, die eine Geschichte erzählt. In der anschließenden Chula, auch Louvação genannt, grüßt der Vorsänger, und der Chor antwortet. Während des Spiels laufen die Corridos, kurze Verse im Wechsel zwischen Vorsänger und Chor. Mitsingen gehört dazu, auch wenn du den Text noch nicht sicher kannst.
Vor dem Spiel hocken die beiden Spieler am Fuß des Berimbaus, dem Pé do Berimbau, und warten auf das Zeichen. Wer einsteigen will, "kauft" das Spiel (Compra de jogo) und übernimmt den Platz eines Spielers.
Beim Batizado bekommst du deine erste Corda
Den Batizado, wörtlich Taufe, hat Mestre Bimba eingeführt. Bei ihm spielten neue Schüler an diesem Tag zum ersten Mal zur Musik des Berimbaus. Farbige Kordeln gab es damals noch nicht, Bimba unterschied seine Schüler mit seidenen Halstüchern. Heute bekommst du beim Batizado in vielen Gruppen nach einem Spiel mit einer erfahrenen Person deine erste Corda, eine farbige Kordel für die Hüfte. Manche Gruppen geben dir an diesem Tag auch deinen Apelido.
Spätere Stufen heißen Troca de Cordas, also Wechsel der Kordel. Ein einheitliches Farbsystem gibt es nicht, jede Gruppe legt ihre Graduierung selbst fest. In vielen Angola-Gruppen gibt es gar keine farbigen Cordas.
Frag in deiner Gruppe früh, wie der Batizado dort abläuft: wann er stattfindet, ob Gäste aus anderen Gruppen kommen und was die Teilnahme kostet. Wenn du einmal zuschaust, bevor du selbst dran bist, weißt du, was dich erwartet.
Die Roda de Capoeira ist seit 2014 immaterielles Kulturerbe der Menschheit
In Brasilien hat die nationale Denkmalschutzbehörde IPHAN die Roda de Capoeira 2008 als Kulturgut registriert. Die UNESCO folgte sechs Jahre später. Auf seiner Sitzung vom 24. bis 28. November 2014 in Paris nahm der Zwischenstaatliche Ausschuss den "Capoeira circle" in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf (Entscheidung 9.COM 10.8).
Zur Begründung schreibt die UNESCO, die Roda fördere die soziale Integration und halte die Erinnerung an den Widerstand gegen historische Unterdrückung wach. Eingetragen ist die Roda als gelebte Praxis, unabhängig von Schule oder Stil.
So findest du in Deutschland eine passende Capoeira-Gruppe
Einen Überblick über Gruppen in deiner Nähe gibt unser Verzeichnis Capoeira in Deutschland mit Karte und Links zu den einzelnen Städten. Für Berlin gibt es eine eigene Liste: Capoeira in Berlin. Schau zusätzlich in die Kursprogramme von Sportvereinen und, falls du studierst, beim Hochschulsport. Frag nach einem Probetraining, bevor du dich festlegst.
Batizados, Workshops und Meisterschaften sind oft offen für Zuschauer. Viele davon stehen in unserem Eventkalender. Dort siehst du die Roda einmal von außen, bevor du selbst einsteigst.
Diese Fragen helfen dir beim Vergleich:
- Welchen Stil spielt die Gruppe: Angola, Regional oder Contemporânea?
- Wer unterrichtet, und auf welchen Mestre beruft sich die Gruppe? Seriöse Lehrer beantworten das offen.
- Kommen Instrumente und Gesang im normalen Training vor? Ohne Musik fehlt ein Kern der Capoeira.
- Gibt es eine offene Roda, die du dir ansehen kannst? Dort merkst du schnell, wie respektvoll miteinander gespielt wird.
- Wie hoch ist der Beitrag, und welche Mindestlaufzeit und Kündigungsfrist gelten? Klär das vor der Anmeldung.
Das brauchst du für die ersten Trainings
Bequeme Sportkleidung reicht am Anfang, trainiert wird häufig barfuß. Viele Gruppen tragen eine weiße Hose, die Abadá, und ein Shirt der Gruppe. Kauf beides erst, wenn du dich entschieden hast.
Akrobatik musst du nicht mitbringen. Am Anfang lernst du die Ginga, die schwingende Grundbewegung, dazu Ausweichbewegungen (Esquivas) und einfache Tritte wie die Meia-lua de frente. Beweglichkeit und Kraft kommen mit dem Training.
Portugiesisch brauchst du ebenfalls nicht. Die Lieder lernst du durch Wiederholung, und die Namen der Bewegungen hörst du in jeder Stunde. Nebenbei sammelst du so deine ersten Vokabeln.
Einen eigenen Berimbau kaufst du am besten erst nach Rücksprache mit deinem Lehrer. Die Qualität schwankt stark, und ein schlecht gebauter Bogen klingt nicht. Viele Gruppen haben Instrumente, auf denen du zuerst üben kannst.
Häufige Fragen
Ist Capoeira Kampfkunst oder Tanz?
Beides. Die UNESCO beschreibt Capoeira als afrobrasilianische Praxis, die zugleich Kampf und Tanz ist. Dazu gehören Musik und Gesang, ohne die keine Roda funktioniert.
Muss ich Portugiesisch können, um mit Capoeira anzufangen?
Nein. Die Lieder und die Namen der Bewegungen sind portugiesisch, du lernst sie aber im Training durch Wiederholung. Vorkenntnisse brauchst du keine.
Was ist der Unterschied zwischen Capoeira Angola und Capoeira Regional?
Angola geht auf Mestre Pastinha zurück. Gespielt wird tiefer und meist langsamer, Musik und Ritual haben viel Gewicht. Regional stammt von Mestre Bimba, ist schneller und arbeitet mit festen Bewegungsfolgen und Graduierungen.
Quellen
Diese Quellen liegen dem Text zugrunde.
- UNESCO Intangible Cultural Heritage: Capoeira circle (Eintrag 00892), geprüft am 28.09.2026 (öffnet in neuem Tab) ich.unesco.org
- UNESCO: Decision 9.COM 10.8 (Aufnahme 2014, nennt die IPHAN-Registrierung 2008), geprüft am 28.09.2026 (öffnet in neuem Tab) ich.unesco.org
- UNESCO: Ninth session of the Intergovernmental Committee, Paris, 24. bis 28.11.2014 (öffnet in neuem Tab) ich.unesco.org
- Wikipedia (pt): Capoeira (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Roda de capoeira (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Capoeira regional (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (en): Capoeira (öffnet in neuem Tab) en.wikipedia.org
- Wikipedia (de): Capoeira (öffnet in neuem Tab) de.wikipedia.org
- Wikipedia (en): Berimbau (öffnet in neuem Tab) en.wikipedia.org
- Wikipedia (en): Mestre Bimba (öffnet in neuem Tab) en.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Mestre Bimba (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
- Wikipedia (pt): Mestre Pastinha (öffnet in neuem Tab) pt.wikipedia.org
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